Archiv für den Monat: Juni 2016

Nachruf auf Gudrun Piesche – Preisträgerin des Arnstädter Literaturpreises 2016

Sie war ein sehr freundlicher und sehr angenehmer Mensch und hat uns, den Arnstädter Literaturfreunden und zahlreichen Leserinnen und Lesern, mit ihren kleinen Geschichten große Freude bereitet. Durch sie weiß ich, was “glännern” für die Arnstädter bedeutet. Die Rede ist von Gudrun Piesche, der Preisträgerin des Arnstädter Literaturpreises 2016.

Unsere Freundin Gudrun ist von uns gegangen. Sie starb nach kräftezehrender Krankheit am Sonntag, dem 29. Mai. Gudrun hat nie geklagt. Sie blieb bis zuletzt optimistisch. Eine große Lesung mit ihr, der Preisträgerin, und uns, ihren Literaturfreunden, war für den Spätsommer geplant. “Nur ein Augenblick” sollte vorgestellt und gelesen werden – die Siegergeschichte des Arnstädter Literaturpreises – Gudruns Erzählung. Das Urteil der Jury war einstimmig. Sie wurde zur Siegerin gekürt.

Gudrun

Gudrun Piesche wählte kein leichtes Thema. Ihre Erzählung spielt während und kurz nach dem Dreißigjährigen Krieg. Am 8. Januar 1654 brannte es im Stall des Hauses “Zum Cristophorus”. Das Feuer konnte schnell gelöscht werden und richtete kaum Schaden an. Der jugendliche Brandleger, der Lehrjunge des Buchdruckers Schmidt, der achtzehnjährige Nicodemus Jeremias Francke, Sohn des gräflichen Burgvogts Erasmus Francke, gestand die Tat und wurde zum Tode verurteilt. Graf Christian Günther II. ließ aufgrund der Jugend des Lehrlings Milde walten und änderte das Urteil vom Tod durch den Strang in Tod durch das Schwert um.

Die Autorin stellte dem jungen Täter eine fiktive Kindsmagd an die Seite und ließ ihn, anders als seine Verwandten, in seinem letzten Augenblick nicht im Stich. Aber auch wenn sie ihn einerseits emotional das ganze Leben lang stützte, war sie andererseits doch machtlos, seine Lebenssituation zu ändern, da sie selbst nur eine Dienstmagd war. “Nur ein Augenblick” ist eine traurige Geschichte, gleichzeitig aber eine starke, sozialkritische Erzählung, die zurecht den Preis erhielt.

Gudrun Piesche, unsere Preisträgerin, wurde am 16. März 1951 in Arnstadt geboren, erlebte hier ihre Kindheit, “glännerte”, wie viele Arnstädter Kinder – was wir aus einer ihrer schönen Weihnachtsgeschichten wissen – begann eine Lehre als Versicherungskaufmann und schloß ein Fachschulstudium zum Finanzökonomen ab. Als Quereinsteigerin war sie fast zehn Jahre als Heimerzieherin tätig. Aus dieser Arbeit schöpfte sie zweifellos die Kenntnisse der menschlichen Psyche, besonders die der Kinder und Jugendlichen ohne elterlichen Halt. Hier dürfte sie oft und lange in die Herzen der Menschen gesehen haben. Diese Erfahrungen brachte sie stilsicher und literarisch überzeugend in ihre Erzählung ein.

Gudrun Piesche setzte mit ihrer Erzählung die alte Tradition der sogenannten Causes célèbres (wahre Kriminalfälle) fort, die mit dem französischen Juristen und ihrem Namensgeber Pitaval (1673–1743), begann. Würdige Nachfolger fand Pitaval in Friedrich Schiller und Wilibald Alexis. Alexis gab gemeinsam mit Julius Eduard Hitzig ab 1842 den Neuen Pitaval heraus, eine Sammlung von authentischen Kriminalgeschichten, wobei die Autoren ihren Schwerpunkt auf psychologische Aspekte legten. Fortgeführt wurde das Werk von Christian August Anton Vollert (1828-189), der von 1858 bis 1869 Kreisgerichtsrat in Arnstadt war.

Gudrun Piesche ging es gleich ihren berühmten Vorgängern nicht um oberflächliche Unterhaltung, durchmischt mit sinnlosen Gewalttaten. Als Autorin zeigte sie das, was man als humanistisches Verantwortungsgefühl bezeichnen kann. Sie fügte sich mit ihrer Erzählung in die Reihe der großen Pitavalschriftsteller ein und hinterließ uns ein eindrucksvolles, emotionsgeladenes Sittengemälde vergangener Zeiten.

Doch bei all den Historien, die es in diesem Arnstädter Festjahr der Stadtrechtsverleihung auch zu feiern gibt, Gudrun Piesche läßt uns die schweren Schicksale, die uns jeden Einzelnen mehr oder minder treffen können, nicht vergessen.

Wir sagen Danke, liebe Gudrun Piesche, für Deine Freundlichkeit, Menschlichkeit und Deine schönen kleinen Geschichten von doch so großen Dingen. Wir verneigen uns vor unserer Preisträgerin und sind im Herzen und in der Erinnerung bei Dir. Unser Mitgefühl gilt Deiner Familie und Deinen Freunden.

Michael Kirchschlager

Im Namen der Literaturfreunde Arnstadt (IG)